
Wie lang darf eine einzelne Gitarrenlektion sein, bevor ein ungeduldiger Erwachsener nach Feierabend aussteigt? Bei mir stellte sich diese Frage, kaum dass ich den alten Gitarrenkoffer nach 25 Jahren wieder hervorgeholt hatte. Beim Öffnen hing noch der harzige Duft eines alten Kolophoniumstücks in der Luft, ein Rest aus meiner kurzen Teenagerphase mit der Gitarre. Ich klickte mich durch die ersten Videos des Michigit Gitarrenkurs, und als Projektleiter, der seit 25 Jahren eher Excel-Tabellen als Akkorde bewegt hat, geriet ich schon beim allerersten Video ins Stocken – eine Art Midlife-Crisis mit Kapodaster.
Transparenzhinweis vorab: Manche Links in diesem Beitrag sind Affiliate-Links. Bucht jemand darüber einen Kurs, bekomme ich eine Provision, ohne dass für Sie ein Aufpreis entsteht. Ich schreibe hier ausschließlich über Kurse, die ich im Rahmen meines eigenen Wiedereinstiegsprojekts selbst durchgearbeitet habe, mit derselben nüchternen Haltung, mit der ich sonst Projekte tracke.
Wie lang ist eine Michigit-Lektion tatsächlich?
Die Antwort: unterschiedlich lang, und genau das ist der Knackpunkt. Ein einzelnes Video bei Michigit dauert nicht selten 15 Minuten und behandelt dabei gleich drei verschiedene Schlagmuster hintereinander, ohne dass eine natürliche Pause markiert wird. Wer, wie ich, in 30-Minuten-Zeitfenstern nach Feierabend denkt, muss sich die Stopptaste selbst zur Routine machen. Stefan, der Kopf hinter Michigit und vielen aus seinem YouTube-Kanal bekannt, erklärt geduldig und ausführlich, was inhaltlich stark ist, strukturell aber bedeutet: Es gibt keine vorgefertigten Kapitelmarken, man muss die Lektion selbst in Etappen zerlegen. Bei einem Gantt-Diagramm würde ich das schlicht als fehlende Meilensteine bezeichnen.
Eine Leserin, Mechthild Beyer, schrieb mir vor einiger Zeit genau zu diesem Punkt. Sie sucht Kurse mit einer Wiedergabegeschwindigkeit, die sie selbst regeln kann, und mit klar markierten Pausen, an denen sie ein Video guten Gewissens stoppen darf, statt mitten im Akkordwechsel abzubrechen. Bei Michigit muss man sich diese Struktur weitgehend selbst bauen, zum Beispiel indem man nach jedem Schlagmuster manuell pausiert, das Gelernte einmal wiederholt und erst dann weiterspielt. Genau das ist die praktische Antwort auf die Ausgangsfrage: Nicht die Lektion selbst ist zu lang, sondern das Fehlen eigener Haltepunkte macht sie unhandlich.
Sitzungslänge zählt mehr als Kursumfang, wenn man über 40 wieder einsteigt
Meine Nachbarin Irmgard Wöhler, die seit zwanzig Jahren ein Stockwerk über mir wohnt und als pensionierte Grundschullehrerin einen professionellen Blick auf Lernmethoden hat, wollte keine Begeisterung hören, als ich ihr von Michigit erzählte, sondern Zahlen: wie viele Minuten am Stück, wie oft wiederholt, wie überprüft. Diese Nüchternheit deckt sich mit meiner eigenen Denkweise als jemand, der lieber rechnet, bevor er sich für ein Abo oder einen Einmalkauf entscheidet.
Mittlerweile hat sich meine linke Hand so an die längeren Sessions gewöhnt, dass nach einer Übungseinheit keine einzige Blase mehr an den Fingerkuppen zurückbleibt, nur ein leichtes, warmes Ziehen, das nach kurzer Zeit wieder verschwindet. Das ist kein Zufall, sondern schlicht eine Frage der Belastungsdauer: Wer regelmäßig längere Einheiten übt, baut Beständigkeit in den Fingerkuppen auf, ganz ähnlich wie beim Lauftraining.
In meinem Arbeitszimmer in der Südstadt stehen zwei Monitore nebeneinander, dazwischen liegt der Kursordner aufgeschlagen, in dem ich Kursname, Lektionsnummer und Dauer jeder Lektion notiere. Die schwarze Yamaha Pacifica lehnt rechts an der Wand, griffbereit für den Fall, dass ich zwischendurch etwas nachspielen will, und im Regal daneben steht noch das alte Tabulaturheft aus den Neunzigern, das ich nie weggeworfen habe. Ein digitales Metronom liegt auf dem Tisch bereit. Diese Aufteilung, Video auf dem Screen, Tracking im Ordner, ist letztlich meine eigene Antwort auf lange Lektionen.

Michigit gegen norberg und AndiTGitarre: drei unterschiedliche Taktungen
Im Vergleich zum norberg Gitarrenkurs, seit 11,5 Jahren auf Digistore24 gelistet und mit einer Stornoquote von nur 0,44 % einer der beständigsten Kurse im deutschsprachigen Markt, wirkt Michigit jünger und stärker an seinen YouTube-Ursprung gebunden. Auf seiner Verkaufsseite spricht Michigit die Zielgruppe 40+ ausdrücklich an, was zur eigenen Erfahrung passt: lange, gesprächige Lektionen stören vermutlich weniger, wenn man mit Geduld und Zeit an die Sache herangeht, als wenn man abends nur ein enges Zeitfenster hat.
Wer stattdessen schnell zu spielbaren Songs kommen will, findet beim AndiTGitarre Nr.1 Kurs ein deutlich kompakteres Format: 17 Lektionen mit insgesamt rund 8 Stunden Videomaterial, überschaubar genug für ein einzelnes Quartalsprojekt. Bei Michigit ist der Gesamtumfang spürbar größer, was bei ungeduldigen Lernern zu einem echten Rückstau im Lernplan führen kann, wenn man nicht konsequent am Ball bleibt.
Bevor ich bei Online-Kursen gelandet bin, hatte ich versucht, Einzelstunden bei einem Gitarrenlehrer in meiner Nähe zu buchen. Das Vorhaben scheiterte nicht an der Qualität des Unterrichts, sondern schlicht am Kalender: feste Termine unter der Woche ließen sich mit einem Projektleiter-Alltag kaum verlässlich vereinbaren, und nach ein paar Absagen von beiden Seiten habe ich es aufgegeben. Ein Online-Kurs, den man um 22 Uhr genauso starten kann wie um 6 Uhr morgens, löst genau dieses Problem, auch wenn er dafür die direkte Rückmeldung eines Lehrers eintauscht.
Bauen Sie sich Ihre eigenen Pausenpunkte
Wer für lange Lektionen wenig übrig hat, kommt mit einem modularen Kurs wie meineMusikschule E-Gitarre vermutlich weiter, weil die Etappenstruktur die Pausen quasi mitliefert. Wer dagegen gerne einem Lehrer beim Erklären zuhört und selbst gerne strukturiert, ist mit Michigit gut bedient, solange die Stopptaste zur Gewohnheit wird. Ob sich dabei unterm Strich eher ein Abo oder ein Einmalkauf lohnt, sodass Michigit lebenslangen Zugriff für einen Einmalpreis bietet und meineMusikschule zwischen beiden Modellen wählen lässt, ist eine längere Rechnung, die ich an anderer Stelle im Detail durchgehe.
Ob sich der Fortschritt pro investiertem Euro über verschiedene Kurse hinweg sinnvoll vergleichen lässt, ist ebenfalls eine eigene Rechnung, die über die reine Lektionslänge hinausgeht. Ebenso lohnt vor der Entscheidung ein Blick auf die jeweiligen Testphasen der Anbieter, die sich teils deutlich unterscheiden, und auf das Setup, das man für den Wiedereinstieg tatsächlich braucht, Kopfhörer, ein brauchbares Stimmgerät, ein Ständer, der nicht bei jedem Windstoß umkippt.
Auch die Frage, ob E-Gitarre oder Akustikgitarre der bessere Wiedereinstieg ist, hängt von anderen Kriterien ab als der Lektionslänge, genauso wie die Frage, ob man überhaupt Noten lesen lernen muss oder ob es auch ohne geht. Und wie es um die Fingerfertigkeit nach Jahrzehnten Pause grundsätzlich steht, ist nochmal ein eigenes Kapitel. Wer sich für den eher analytischen Ansatz von norberg interessiert, findet dazu mehr in meinem Beitrag zur Norberg Methode für analytische Lerner, und wenn Sie systematischer an die Fortschrittsmessung herangehen wollen, lesen Sie meinen Bericht zu Gitarre lernen mit System.
Die Lektionen sind nicht zu lang, sie sind nur anders getaktet
Unterm Strich sind die Lektionen bei Michigit nicht per se zu lang, sie verlangen nur eine andere Art von Aufmerksamkeit als kurze, modulare Kurse. Wer die YouTube-Atmosphäre mag und gerne einem Lehrer zuhört, der sich Zeit lässt, wird hier glücklich. Wer dagegen in strikten 15-Minuten-Sprints lernen will, muss sich die Videos selbst portionieren, mit eigenen Pausenpunkten, eigener Wiederholungsschleife und der Bereitschaft, die Stopptaste als Werkzeug zu akzeptieren statt als Unterbrechung.
Wer jetzt einsteigen möchte, sollte sich beide Konzepte in Ruhe ansehen. Der Michigit Kurs bietet eine sehr persönliche Note mit einem erfahrenen YouTube-Lehrer im Zentrum, während der norberg Gitarrenkurs durch seine jahrzehntelange Optimierung und die niedrige Stornoquote besticht. Am Ende zählt vor allem eines: dass die Gitarre diesmal nicht wieder für 25 Jahre im Keller verschwindet.