Eine Gitarrenstunde beim Lehrer vor Ort kostet mehr als ein komplettes Online-Kurs-Abo im Monat – und trotzdem war der Lehrer bei mir am Ende der teurere Umweg. Ich hatte es zuerst klassisch versucht: Einzelstunden bei einem Gitarrenlehrer hier in Hannover gebucht, in der Hoffnung, mit festen Terminen schneller voranzukommen als im Alleingang. Die Termine kollidierten aber ständig mit Projektmeetings, die sich nicht einfach verschieben ließen, und irgendwann war klar, dass ein fester wöchentlicher Slot für jemanden mit vollem Projektleiter-Kalender schlicht die falsche Struktur ist. Die alte Westerngitarre aus meiner Teenagerzeit lag da schon wieder im Schrank, diesmal aber mit dem Vorsatz, es online und im eigenen Takt zu versuchen.
Die Saiten hatten seit 25 Jahren keine Spannung mehr gesehen, die Mechaniken knirschten beim ersten Stimmversuch. Mit einer Stimm-App brachte ich sie wieder auf den Kammerton A bei 440 Hz, und genau in diesem Moment wurde aus einer vagen Idee ein Projekt mit Startpunkt.
Warum ein Gitarrenlehrer bei vollem Kalender nicht funktioniert
Nach diesem Fehlstart saß ich in meinem Arbeitszimmer in der Hannoveraner Südstadt und sortierte die Optionen neu. Zwei Bildschirme, ein aufgeklappter Kursordner, daneben lehnt eine schwarze Yamaha-E-Gitarre an der Wand – kein Klassenzimmer, aber ein Setup, das zu meiner Art zu planen passt. Ob am Ende eine E-Gitarre oder eine Akustikgitarre die bessere Wahl für den Wiedereinstieg ist, habe ich an anderer Stelle für mich durchgerechnet; hier ging es zunächst nur darum, überhaupt wieder anzufangen. Das Prinzip, dem ich folgte, nennt sich Flipped Classroom: Theorie und Griffbilder in kurzen Videos anschauen, die eigentliche Arbeit aber offline erledigen, ungefähr so, wie man ein Meeting vorbereitet, bevor man es abhält.
Kosten pro Übungseinheit: eine Rechnung für Erwachsene
Vor dem ersten Video habe ich mir die Preismodelle mehrerer Anbieter nebeneinandergelegt, so wie ich es bei jeder Softwarelizenz für mein Team auch tun würde. Die Monatsbeiträge bewegen sich bei den meisten Plattformen im mittleren zweistelligen Euro-Bereich, was für jemanden, der gewohnt ist, mit ganz anderen Budgets zu jonglieren, überschaubar wirkt. Spannender fand ich die Frage, was eine einzelne Übungseinheit am Ende wirklich kostet, wenn man Minuten pro Tag gegen den monatlichen Betrag rechnet.
Ich habe zwei Kurse parallel in der Testphase laufen lassen und sie in einem Vergleich zwischen Michigit und Norberg gegenübergestellt; einen davon habe ich nach der Probezeit wieder gekündigt, weil das Wochenpensum für meinen Zeitplan zu groß angelegt war. Wie sich Testphasen verschiedener Anbieter grundsätzlich gegenüberstellen lassen, wäre ohnehin ein eigenes Kapitel für sich. Ob sich am Ende ein Abo oder ein einmaliger Kurskauf mehr lohnt, hängt vor allem davon ab, wie lange man wirklich am Ball bleibt, und auch das ist eine Rechnung, die ich lieber getrennt aufmache.
Pausen schlagen tägliches Pflichtprogramm
Überall liest man, dreißig Minuten am Tag seien Pflicht, sonst komme man nicht voran. Bei mir stagnierte die Fehlerquote bei komplizierten Akkordwechseln aber genau in den Phasen, in denen ich stur jeden Tag zwanzig bis dreißig Minuten übte. Sobald ich bewusst mehrere Tage am Stück aussetzte und stattdessen am Limmer-Kanal spazieren ging, ohne einen Gedanken an Akkorde zu verschwenden, sank die Fehlerrate beim nächsten Anlauf spürbar; warum genau, kann ich nicht seriös erklären, ich kann nur die Zahlen aus meinem eigenen Übungsprotokoll nennen.
An einem dieser Pausentage kam meine Nachbarin Irmgard Wöhler vorbei, wie sie es öfter tut, wenn sie merkt, dass die Gitarre für ein paar Tage in der Ecke steht, und wir haben Tee getrunken, statt über Akkorde zu reden. Fingerfertigkeit nach jahrzehntelanger Pause ist ohnehin ein Thema für sich, das an anderer Stelle mehr Tiefe verdient, aber so viel steht fest: reine Wiederholung ohne Pause hat bei mir eher gebremst als beschleunigt.
Woche zwölf am Hauptbahnhof
Um die zwölfte Woche herum passierte etwas, das mehr wert war als jede Zeile in meiner Fortschrittstabelle. Am Hauptbahnhof stand ein Straßenmusiker mit einer Akustikgitarre und spielte ein Riff, das ich noch vor kurzem für hoffnungslos kompliziert gehalten hätte, und meine Finger fingen im Gehen an, die Griffwechsel im Kopf mitzumachen, als hätte jemand einen Schalter umgelegt. Ich lese dabei so gut wie keine Noten. Das Lernen ganz ohne Notenschrift war eine bewusste Entscheidung und würde für sich allein einen eigenen Vergleich verschiedener Ansätze füllen. Der Übergang zu Barrégriffen wie dem F-Dur, der vorher wie eine Wand wirkte, fühlte sich in dieser Woche zum ersten Mal nach einem lösbaren Problem an, nicht nach einer Kapitulation.
Fortschritt entscheidet, nicht Talent
Nach gut sieben Monaten mit System habe ich die Zahlen zusammengezogen: ein niedriger dreistelliger Betrag insgesamt für Abos und ein bisschen Zubehör, über hundertfünfzig protokollierte Übungseinheiten, macht einen Preis pro Session, der deutlich unter dem liegt, was ein Kaffee in der Hannoveraner Innenstadt kostet. Wie man Fortschritt seriös misst, statt nur zu fühlen, ob man besser wird, und wie sich das über verschiedene Kursanbieter hinweg vergleichen lässt, sind zwei Themen, die ich an anderer Stelle ausführlicher aufgeschlüsselt habe.
Eine Leserin, Mechthild Beyer, hat mir vor einiger Zeit geschrieben, dass ihr genau diese nüchterne Rechnerei ohne Werbesprache mehr hilft als jedes euphorische Testimonial, und ich glaube, das trifft den Kern der Sache. Auch das passende Equipment für den Wiedereinstieg, von der Stimm-App bis zum Kapodaster, verdient eine eigene Abhandlung, die ich an anderer Stelle geführt habe, etwa in meinem Erfahrungsbericht zu AndiT Nr. 1, wo ich das Preis-Leistungs-Verhältnis für Leute mit wenig Zeit durchgerechnet habe. Die Lektion, die bei mir hängen geblieben ist, hat wenig mit Talent zu tun: Wer den Fortschritt in überschaubaren Einheiten misst und sich Pausen als Teil des Plans erlaubt, kommt weiter als jemand, der sich an starre Regeln aus einem Forum hält. Musiker bin ich deswegen noch lange keiner geworden, was bei einem 47-jährigen Wiedereinsteiger mit Mittelalterkrise vermutlich auch niemand ernsthaft erwartet hatte, aber die Gitarre steht jetzt griffbereit neben dem Schreibtisch, nicht mehr im Keller.