
Der G-Dur-Akkord schnarrt schon wieder, obwohl die Finger genau da liegen, wo sie hingehören, und ich wiederhole den Wechsel so lange, bis das Handgelenk taub wird, während der kleine Übungsverstärker im Ruhemodus leise vor sich hin brummt. Gitarrenlernen war nie mein eigentliches Problem, sondern das Zeitmanagement drumherum: der Vollzeitjob, die Meetings, die keinen Raum für eine gemütliche Übungsstunde lassen. Irgendwann habe ich angefangen, die ganze Sache wie ein Projekt zu behandeln, mit Kennzahlen statt Bauchgefühl, und genau daraus ist der Plan entstanden, der meinen Fortschritt inzwischen tatsächlich messbar macht, nicht nur gefühlt.
Der Übungsplan als Projektmanagement-Methode
Projektmanagement-Methoden leben von kleinen Einheiten statt großer Blöcke, und genau das habe ich auf die Gitarre übertragen. Statt der einen großen Stunde am Wochenende suche ich mir über den Tag verteilt drei oder vier Fenster von fünf Minuten – zwischen zwei Videocalls, während der Kaffee durchläuft, kurz vor dem Feierabend. Diese Sprints, wie ich sie nenne, fühlen sich zunächst lächerlich kurz an, summieren sich über die Woche aber zu mehr geübter Zeit, als eine einzelne Wochenendstunde je bringen würde.
Fünf Minuten klingen zu kurz, um überhaupt warm zu werden, bis man anfängt, die sauberen Wechsel pro Fenster zu zählen statt sie zu erahnen. Der Verstärker läuft dabei selten richtig warm, die Zählung der Wiederholungen schon, und genau das ist der Kern der ganzen Methode: nicht mehr Zeit, sondern mehr Kontaktpunkte mit dem Griffbrett.

Woran erkenne ich Fortschritt, wenn ich kein geschultes Ohr habe?
Ein subjektives Gefühl von 'klingt schon besser' reicht nicht, um über Monate hinweg motiviert zu bleiben, vor allem wenn man wie ich weder Musiker noch Lehrer ist. Fast jeder Popsong bewegt sich im 4/4-Takt, und genau das macht ihn zur verlässlichen Messlatte: Wenn ein sauberer Akkordwechsel bei 120 BPM, dem Standardtempo vieler Pop- und Rocksongs, im Takt bleibt, ist das ein Fakt, keine Einschätzung. Das Metronom wurde für mich zum wichtigsten Controlling-Werkzeug beim Üben, wichtiger als jede App mit buntem Feedback.
Notiert wird das Ganze in einer schlichten Tabelle: Datum, Tempo in BPM, Anzahl sauberer Wechsel. Steigt die Zahl über die Woche, bleibt der Plan wie er ist. Stagniert sie, wird etwas angepasst – neues Übungsziel, anderes Tempo, kürzere Fenster. Diese Art von analytisches Lernen auf der Gitarre passt zu jedem, der beruflich mit Kennzahlen und Statusberichten zu tun hat, auch wenn es nach einer Excel-Macke mitten in der Midlife-Crisis klingt, wenn man es laut ausspricht.
Wie andere ihren Fortschritt über verschiedene Kurssysteme hinweg messen, ist eine eigene, längere Geschichte, die ich an anderer Stelle ausführlicher aufrolle. Genauso verhält es sich mit der Rechnung, wie sich der Fortschritt pro Euro zwischen einzelnen Kursanbietern vergleichen lässt. Spannend ist das sicher, aber es ist ein eigenes Thema für sich.
Wenn das Lehrbuch nach Kapitel drei in der Schublade landet
Bevor die Tabelle kam, gab es einen Anlauf mit einem dicken Anfänger-Lehrbuch aus dem Musikhaus, das ich mir kurz nach dem Wiedereinstieg gekauft hatte. Die ersten beiden Kapitel liefen gut, mit sauber erklärten Grundlagen und ordentlichen Übungen. Ab Kapitel drei wurde es zäh: zu viel Theorie auf einmal, kaum Rückmeldung, ob ich überhaupt etwas richtig machte. Das Buch landete in der Schublade, wo es vermutlich heute noch liegt.
Der Fehler lag nicht am Buch selbst, sondern an der fehlenden Rückkopplung: Ein gedrucktes Kapitel sagt einem nicht, ob der Wechsel zwischen zwei Akkorden gerade sauberer wird. Genau diese Lücke hat mich später zur Tabelle und zum Metronom gebracht. Ob es sinnvoller ist, in ein Kurs-Abo einzusteigen oder eine Sache einmalig zu kaufen, ist übrigens eine eigene Rechnung, die stark vom eigenen Durchhaltevermögen abhängt. Dazu mehr an anderer Stelle.
Fünf Minuten Übezeit: Funktioniert das wirklich?
Genau diese Frage stellte mir Andreas Tolle, ein Forenmitglied aus Bielefeld, kürzlich in einem Thread, kurz bevor er mir mehr über Audiolatenz bei seinem Zoom-Unterricht erzählte, als ich eigentlich wissen wollte. Seine Sorge: Fünf Minuten reichen kaum, um überhaupt in den Übungsmodus zu kommen, geschweige denn etwas zu lernen.
Die Antwort liegt in der Häufigkeit, nicht im Volumen. Drei Fenster von fünf Minuten über den Tag verteilt bringen den Griff öfter vor die Finger als eine einzelne lange Sitzung am Wochenende, selbst wenn die reine Übungszeit am Ende identisch ist. Kleine, häufige Wiederholungen wirken wie kleinere Software-Updates: seltener ein Totalausfall, dafür stetiger Fortschritt. Wer im Eilenriede joggen sieht, kennt das Prinzip aus dem Intervalltraining: kurze intensive Reize schlagen stures Dauerlaufen, ob beim Laufen oder beim Akkordwechsel.
Diese Beobachtung deckt sich mit dem, was ich später über die Lernkurve bei Online-Kursen gelesen habe: Erwachsene profitieren stärker von Frequenz als von Länge, weil sich das Muskelgedächtnis in kurzen, wiederholten Reizen stabiler aufbaut als in einer einzigen Marathonsitzung.

Ausrüstung, Setup und die Fragen, die eigentlich wichtiger sind
Teures Zubehör ist für den Wiedereinstieg nicht nötig. Die Gitarre, die 25 Jahre im Keller stand, tut es genauso gut wie ein neues Instrument, solange die Saiten frisch und die Bünde sauber sind. Welches Setup sich beim Wiedereinstieg tatsächlich lohnt, ist trotzdem eine eigene Überlegung wert, ebenso wie die Frage E-Gitarre oder Akustikgitarre, die ich an anderer Stelle ausführlicher abwäge.
Mein Studienfreund Carsten Ließem, der seit Jahrzehnten Bass spielt, zweifelt laut an jedem Kurs, der Songs vor die Grundtechnik stellt, und wenn ich mir manche Werbeversprechen ansehe, kann ich seinen Punkt nachvollziehen. Wie sich kostenlose Testphasen verschiedener Anbieter tatsächlich unterscheiden, oder ob man ganz ohne Noten auskommt, sind Fragen, die ich lieber in einem eigenen Vergleich durchrechne als hier anzureißen. Fest steht nur: Die größere Hürde beim Wiedereinstieg jenseits der vierzig ist meist die Fingermotorik, nicht die fehlende Ausrüstung, und genau darauf lohnt sich ein eigener, genauerer Blick.
Für alle, die gerade erst wieder anfangen, lohnt sich vorher ein Blick darauf, welche Online Kurse sich wirklich lohnen, damit die eigene Tabelle von Anfang an mit einer vernünftigen Struktur gefüttert wird statt mit Zufallsvideos. Der Rest ist reine Konsequenz: Wenn die Zahl in der Wochenübersicht steigt, bleibt der Plan unverändert. Wenn nicht, wird er angepasst, wie jedes andere Projekt auch, ganz ohne Rockstar-Ambitionen, aber mit einem Fortschritt, der sich nicht mehr wegdiskutieren lässt.