
127 Euro einmalig, keine Ratenzahlungsgebühr im Kleingedruckten, keine Rabattstaffel – das ist der Kaufpreis für den Michigit Gitarrenkurs. Die Antwort auf die Titelfrage gleich vorweg: Ja, man kann in zwölf Wochen Songs spielen, aber nur mit täglicher Übung und einem realistischen Blick auf das Wort „Song". Wer als erwachsener Anfänger mit fast fünfzig noch einmal Gitarre lernen will, kauft mit diesem Betrag vor allem eines: eine feste Struktur statt eines eigenen Lehrplans. Diese Kurs-Kritik prüft, ob sich dieser Tausch rechnet – nicht als Gefühl, sondern als Zahl.
Zur Einordnung, bevor es an die Details geht: Einige der genannten Kurse sind Partnerprogramme, über die ich bei einem Abschluss eine Provision erhalte, ohne dass für Sie ein höherer Preis entsteht. Ausgewählt habe ich hier nur Anbieter, die ich selbst mit einem eigenen Übungsplan über einen längeren Zeitraum getestet habe – der Rest fällt für mich unter Bauchgefühl, und darauf verlasse ich mich beruflich wie privat ungern.
127 Euro, 42 Stunden: die Rechnung vor dem Kurs-Kauf
Vor der Entscheidung standen drei Optionen auf meiner Liste. MeineMusikschule setzt auf ein Abo-Modell mit modularem Aufbau, norberg Gitarrenkurs verfolgt einen betont langsamen, analytischen Ansatz, und Michigit bietet seinen Kurs für einen Einmalpreis an, wahlweise mit Ratenzahlung. Zwischen Abo und Einmalkauf zu wählen ist am Ende eine Frage der eigenen Kündigungsdisziplin, nicht der Kursqualität. Bevor ich mich festlegte, habe ich die kostenlosen Testphasen der drei Anbieter parallel laufen lassen, um die Kursoberfläche wenigstens einmal von innen zu sehen.
Die Rechnung dahinter ist einfach: 30 Minuten Übung an sieben Tagen die Woche ergeben über das beworbene Zwölf-Wochen-Programm rund 42 Stunden Gesamtübungszeit. Bei einer Kursgebühr von 127 Euro macht das etwa 3,02 Euro pro Übungsstunde – eine Einzelstunde bei einem Gitarrenlehrer in Hannover kostet mich dagegen zwischen 40 und 50 Euro pro Termin. Als Projektleiter rechne ich solche Dinge automatisch durch, bevor ich irgendwo unterschreibe, auch wenn es nur um ein Hobby geht.

Songs zuerst oder Technik zuerst?
Mein Studienfreund Carsten Ließem zweifelt laut an jedem Kurs, der Songs vor die Grundlagentechnik stellt. Als ich ihm von Michigit erzählte, wollte er wissen, ob man am Ende wirklich ein Lied spielt oder nur eine auswendig gelernte Fingerfolge nachmacht.
Eine Teilantwort darauf lieferte mein eigener Fehlversuch von vor einigen Jahren: Ich hatte mir ein Anfänger-Lehrbuch aus dem Musikhaus gekauft und es nach dem dritten Kapitel liegen lassen, weil mir niemand sagte, wann ich eigentlich vorankam. Ein Video-Kurs mit sichtbaren Etappen ist da schlicht ehrlicher zu einem Erwachsenen, der wissen will, wofür er sein Geld ausgibt.
Wer stattdessen lieber langsamer einsteigt, findet im Vergleich zwischen Michigit und Norberg eine Gegenüberstellung beider Tempi. Beide Kurse verzichten bewusst auf klassisches Notenlesen und arbeiten stattdessen mit Tabulatur und Video-Demonstration – ein Ansatz, den ich an anderer Stelle ausführlicher einordne.
Michigit im Kursvergleich für erwachsene Anfänger
Beim F-Dur-Barrégriff wird der Tempounterschied zwischen den Kursen am deutlichsten. Michi bringt den Griff früh und zügig, während der norberg Kurs für seinen besonders geduldigen Einstieg bekannt ist und solche Wechsel erst später einführt. Wenn das Plektrum beim Griffwechsel kurz über die dicke E-Saite schrammt statt sie sauber zu treffen, höre ich das sofort – ein kleines, kratzendes Warnsignal, bevor ich überhaupt merke, dass der Finger nicht richtig sitzt.
Irgendwann beim täglichen Üben fiel mir auf, dass meine Fingerkuppen nach dem Spielen keine frische Blase mehr zeigten, nur noch einen leichten Druckabdruck. Ein kleines, aber handfestes Zeichen dafür, dass sich etwas eingespielt hatte.
Objektiv wurde es erst mit einem digitalen Metronom, mit dem ich Songs bei 80 BPM fehlerfrei durchspielen wollte, statt mich auf mein eigenes Taktgefühl zu verlassen. Ein Metronom und eine vernünftige Kopfhörer-Verbindung gehören für mich zur Grundausstattung, mit der man den Wiedereinstieg technisch überhaupt sauber vermessen kann.

Den Kurs an der Kosten-pro-Song-Rechnung messen
Am Ende der Testphase stehen ein paar nüchterne Werte: eine Investition von rund 127 Euro, etwa 42 Stunden Übungsaufwand bei 30 Minuten täglich, effektive Kosten von ungefähr 3,02 Euro pro Stunde und als Resultat 5 Songs, die den Metronom-Test bei 80 BPM bestanden haben – macht rechnerisch etwa 25,40 Euro pro gelerntem Song. Wer Kurse grundsätzlich nach Fortschritt pro Euro vergleicht, bekommt mit dieser Art Rechnung wenigstens eine Vergleichsbasis statt eines Bauchgefühls.
Der AndiT Gitarrenkurs bietet zwar über 40 Songs an, wirkt in der Tiefe der Vermittlung für einen absoluten Nullpunkt-Einstieg aber dünner, weil er mehr Vorwissen voraussetzt als Michigit. Ich führe für jeden Kurs, den ich teste, ein einfaches Log mit Übungsdauer und erreichtem Griff oder Song. Eine Art Fortschrittsmessung, die mehr über den tatsächlichen Lernstand verrät als das Werbeversprechen auf der Landingpage.
Wofür sich Michigit eignet – und wofür nicht
Die klare Führung durch den Michigit Kurs verkürzt die Lernzeit spürbar, kostet aber etwas an improvisatorischer Freiheit. Fünf Songs kann ich inzwischen sauber durchspielen, aber sobald ich von der Tabulatur abweichen will, merke ich, dass ich eher ein Malen-nach-Zahlen-Gitarrist geworden bin als ein freier Musiker.
Wer stattdessen tiefer in die Harmonielehre einsteigen will, ist bei MeineMusikschule langfristig vermutlich besser aufgehoben, weil die modulare Struktur dort mehr Raum für Theorie lässt. Das ist wie bei einer Software-Einführung: Man kann den Quick-Start-Guide nehmen oder das ausführliche Handbuch lesen, und Michigit ist eindeutig der Quick-Start-Guide. Gerade für die Fingermotorik nach Jahrzehnten Pause zahlt sich am Ende aber weniger die Kurswahl aus als die Regelmäßigkeit, mit der man überhaupt übt.
Für jemanden, der nach 25 Jahren die Gitarre aus dem Keller holt und schnelle Erfolgserlebnisse sehen will, ist Michigit ziemlich effizient aufgebaut: Man hält sich an den Plan und liefert am Ende ein funktionierendes Ergebnis ab, in diesem Fall ein paar Songs statt eines abgeschlossenen Projekts.
Ein Forenmitglied namens Andreas Tolle hat genau diese Rechnung aufgegriffen und ergänzt regelmäßig technische Details zu Audiolatenzen bei Zoom-Unterricht, die in meiner eigenen Kalkulation gar nicht vorkamen. Ein Hinweis darauf, dass die Kosten-pro-Stunde-Formel allein nicht jedes Problem beim Wiedereinstieg abdeckt.
Unterm Strich lohnt sich Michigit für alle, die eine feste Struktur, überschaubare Kosten pro Stunde und schnelle, vorzeigbare Ergebnisse wollen. Wer dagegen langfristig Musiktheorie und Improvisation lernen will, sollte eher zu einem Abo-Modell wie MeineMusikschule greifen oder sich beim geduldigeren norberg Kurs umsehen. Unklar ist für viele Wiedereinsteiger oft noch die Instrumentenfrage; wer zwischen akustisch und elektrisch schwankt, findet dazu mehr in meinem Artikel E-Gitarre oder Akustikgitarre beim Wiedereinstieg, wo ich die Hardware-Seite getrennt aufschlüssele.