
Ein tauber rechter Oberschenkel nach zehn Minuten auf dem Bürostuhl hat nichts mit fehlender Kondition zu tun, sondern mit der Art, wie die Gitarre auf dem Bein liegt. Viele Erwachsene, die mit über 40 wieder bei null anfangen, halten Rückenschmerzen für den Preis des Hobbys, dabei lassen sie sich mit der richtigen Gitarrenergonomie fast vollständig vermeiden. Die folgenden Haltungstipps für Anfänger kosten keine Physiotherapie-Ausbildung, nur etwas Geduld beim Nachjustieren.
Mechthild Beyer, eine Leserin aus München, hat mich kürzlich gefragt, ob das Ziehen im Rücken beim Üben einfach dazugehört, jetzt wo die Kinder aus dem Haus sind und endlich Zeit für die Gitarre bleibt. Nein, dazugehört es nicht. Die lange Antwort braucht drei Korrektionen an Annahmen, die sich am Übeplatz schlicht nicht halten, und die erste betrifft ausgerechnet das Zubehör, das angeblich alles lösen soll.
Rückenschmerzen vermeiden beginnt nicht beim Zubehör
Ein neuer Gurt oder ein gepolsterter Stuhl wird gern als Komplettlösung verkauft, dabei liegt das größere Problem am Instrument selbst. Eine Solidbody-E-Gitarre bringt um die 3,5 Kilogramm auf die Waage, und dieses Gewicht ruht im Sitzen fast immer einseitig auf einem Oberschenkel. Nach einer Weile zieht der Oberkörper automatisch dagegen, die Schulter auf der Seite der Greifhand wandert nach oben, ohne dass man es bewusst steuert. Kein Stuhl der Welt gleicht das von allein aus, wenn die Gitarre selbst schräg hängt.
Meine Nachbarin Irmgard Wöhler, seit zwanzig Jahren eine Etage über mir und pensionierte Grundschullehrerin, hält wenig von Begeisterung und noch weniger von unbelegten Behauptungen. Als ich ihr von meiner neuen Gitarrenstütze erzählte, wollte sie wissen, woran man den Unterschied überhaupt festmacht, nicht wie gut sich das Ganze anfühlt. Im Arbeitszimmer, in dem die schwarze Yamaha-E-Gitarre rechts von mir an der Wand steht und der kleine Übungsverstärker im Standby leise vor sich hin brummt, lässt sich der Unterschied beobachten: eine ruhige statt eine hochgezogene Schulter, erkennbar am Gefühl im Nacken, nicht an einer Stoppuhr.

Mit über 40 registriert der Rücken solche Schräglagen zuverlässiger, als der Kopf merkt, dass gerade ein Akkordwechsel ansteht. Zubehör kann das Gewicht der Gitarre nicht wegzaubern, es kann höchstens helfen, es besser zu verteilen, und genau da setzt die klassische Haltung an.
Braucht man für die E-Gitarre wirklich eine Fußbank?
Die klassische Fußbank gilt bei E-Gitarristen oft als Overkill, als Zubehör für Konzertgitarre mit Notenständer und nichts für den eigenen Proberaum. Richtig ist: Die Bank selbst bewirkt wenig, außer das linke Bein anzuheben und die Gitarre dadurch höher und näher an den Körper zu bringen. Entscheidend ist der Winkel des Halses, nicht das Möbelstück darunter. Kippt der Hals auf etwa 45 Grad, verkürzt sich der Weg der Greifhand zum Mensur-Bereich spürbar, und das Handgelenk muss sich weniger verdrehen, um die hinteren Bünde zu erreichen.

Für denselben Winkel reicht auch eine kleine Gitarrenstütze mit Saugnäpfen am Korpus, ganz ohne Fußbank, und beide Füße bleiben flach auf dem Boden. Das Ergebnis ist vergleichbar mit der klassischen Haltung, nur ohne die schiefe Beckenstellung, die ein dauerhaft erhöhtes Bein mit sich bringt.
Bevor ich das selbst herausgefunden hatte, hatte ich Einzelstunden bei einem Gitarrenlehrer in der Nähe gebucht, auch um die Sitzhaltung einmal von außen beurteilen zu lassen. Die Termine ließen sich mit meinem Kalender als Projektleiter kaum vereinbaren, und nach den ersten Absagen habe ich die Idee wieder begraben. Die Haltungsfrage musste ich am Ende selbst durchrechnen, ähnlich wie im Bericht zum Michigit Preis-Leistungs-Verhältnis, wo die Kosten eines Kurses pro Monat nur die halbe Rechnung sind. Schlechte Haltung bezahlt man am Ende nicht in Kursgebühren, sondern in Physiotherapie-Terminen, und die sind in keiner Kostenübersicht günstiger.
Der Mythos vom Durchziehen bei Schmerzen
Die Vorstellung, man müsse sich einfach durchbeißen, bis sich der Körper an die neue Belastung gewöhnt, hält sich hartnäckig, besonders bei Erwachsenen, die aus dem Fitnessstudio das Prinzip ohne Anstrengung kein Fortschritt gewohnt sind. Für die Gitarrenhaltung gilt das nicht. Ein Ziehen im unteren Rücken ist kein Trainingsreiz, sondern ein Signal, die Position zu wechseln, bevor sich eine Schonhaltung einschleift, die ihrerseits neue Verspannungen nach sich zieht.
Beim Gurt reichen oft schon zwei Löcher enger, damit ein dumpfes Pochen im Schulterblatt verschwindet, weil der Gurt dann das Gewicht des Halses trägt und nicht die Greifhand. Diese Anpassung wird gern übersprungen, weil viele Anfänger den Gurt im Sitzen für überflüssig halten. Wer wissen will, wie man den idealen Übeplatz einrichten kann, sollte die Sitzposition von Anfang an mitplanen, nicht als Nachgedanke behandeln.
Bei Ziehen im Rücken die Position sofort wechseln
Wer glaubt, Haltung sei erst für Fortgeschrittene wichtig, dreht die Reihenfolge um. Gerade in den ersten Monaten nach dem Wiedereinstieg entscheidet sich, ob das Instrument im Alltag bleibt oder zurück in den Keller wandert, und Schmerz ist der zuverlässigste Grund zum Aufgeben, den es gibt.
Meine Tochter blieb neulich kurz in der Tür zum Arbeitszimmer stehen und meinte nur, das klinge diesmal wirklich nach einem Lied und nicht nach Übung. Das lag nicht am Song, sondern daran, dass der Hals endlich im richtigen Winkel lag und die Schulter nicht mitten im Stück schlappmachte.
Die eigentliche Regel lautet also: Haltung ist kein Thema für später, sondern die Voraussetzung dafür, dass überhaupt genug geübt wird, um besser zu werden. Wer Rückenschmerzen als Normalität abtut, tauscht Lernfortschritt gegen eine falsch verstandene Härte gegen sich selbst, und das ist eine schlechte Rechnung für jeden, der mit über 40 noch einmal neu anfängt. Die Wirbelsäule verzeiht Nachlässigkeit beim Set-up nicht, honoriert kleine Korrektionen aber auch ohne Wartezeit.