
40 Songs verspricht ein einziger Online-Kurs — und ausgerechnet diese Zahl war für mich das erste Warnsignal, nicht das Verkaufsargument. Gitarre lernen mit 50, oder in meinem Fall mit 47, verträgt kein Tempo, das Songmenge mit echtem Fortschritt verwechselt. Seit rund zwei Jahren vergleiche ich als Projektleiter systematisch Online-Gitarrenkurse im Test, führe eine Tabelle über Kosten, Kursaufbau und subjektiven Fortschritt und rechne, bevor ich irgendwo ein Abo abschließe. Bei diesem Michigit-Erfahrungsbericht geht es um eine einzige Frage, die mir seither ständig gestellt wird: Passt sein Tempo wirklich zu Wiedereinsteigern, oder ist die Ruhe nur geschicktes Marketing?
Mein Alltag als Projektleiter besteht aus Meilensteinen, Abhängigkeiten und der Frage, ob ein Projekt sein Budget rechtfertigt, und genau diesen Blick lege ich auch an einen Gitarrenkurs an. Bevor ich mich auf ein bestimmtes Tempo festlegte, kaufte ich zunächst ein klassisches Anfänger-Lehrbuch im Musikhaus um die Ecke, arbeitete mich durch zwei Kapitel und ließ es nach dem dritten liegen — zu viel Notenlesen auf einmal, zu wenig Erklärung, warum ein Griff überhaupt so und nicht anders funktioniert. Genau dieses Scheitern hat mir gezeigt, wonach ich bei einem Onlinekurs eigentlich suche: Struktur ohne Überforderung.
Das richtige Tempo beim Wiedereinstieg mit 50
Die kurze Antwort zuerst: weniger Tempo, als die meisten Kursseiten glauben machen wollen. Wer nach Jahrzehnten Pause wieder einsteigt, braucht eine Wiederholungsdichte, die einem gestandenen Teenager fast langweilig vorkäme — und genau da liegt der Denkfehler vieler klassischer Kurse, die Fortschritt an der Zahl neuer Akkorde pro Woche messen. Der Michigit Gitarrenkurs geht bewusst den langsameren Weg: Das Material reift seit 2015 und ist seit sechs Jahren stabil auf Digistore24 gelistet, was für mich als KPI-Fan zunächst mehr zählte als jedes Werbeversprechen. Beständigkeit über sechs Jahre heißt, dass zahlende Kunden nicht sofort wieder abspringen — ein Signal, das kein Werbetext liefern kann.
Woran sich das langsame Tempo im Alltag zeigt, merkt man eher beiläufig als in irgendeiner Statistik. Am Hannover Hauptbahnhof blieb ich neulich vor einem Straßenmusiker stehen, weil ich das Riff, das er da spielte, auf Anhieb erkannte — und im nächsten Moment fiel mir auf, dass ich es inzwischen selbst greifen könnte, ohne lange nachzudenken. Solche Momente sind für mich aussagekräftiger als jede Lektion mit grünem Häkchen, weil sie zeigen, dass etwas wirklich sitzt und nicht nur abgehakt wurde.

Michigit gegen AndiT: Songmenge ist nicht gleich Fortschritt
Zum Vergleich zog ich AndiT Gitarre Nr.1 heran, einen soliden Kurs mit 17 Lektionen, rund 8 Stunden Videomaterial und über 40 Songs, dazu einen YouTube-Kanal mit rund 16.000 Abonnenten. Für alle, die schnelle Ergebnisse wollen, ist das ein starkes Paket, keine Frage. Doch als ich versuchte, ein songbasiertes Tutorial zu früh anzugehen, hing ich rund vierzig Minuten an einem einzigen F-Dur-Akkord fest, während mein Frustlevel spürbar mit der investierten Zeit stieg. Der Trade-off dahinter lässt sich nüchtern zusammenfassen: Ein langsameres Tempo kostet am Anfang mehr Geduld, führt aber zu einer Fingerfertigkeit, die auch nach der Kurslektion noch trägt, während ein schnelleres Durchlaufen der Kursinhalte oft nur oberflächlich hängen bleibt.
Norberg Gitarrenkurs, verlinkt hier als Norberg Gitarrenkurs, ist seit elfeinhalb Jahren am Markt und weist mit 0,44 Prozent eine der niedrigsten Stornoquoten überhaupt auf — ein Hinweis auf zufriedene, geduldige Kunden, die selten zurückgeben. Wer einen noch sanfteren Einstieg sucht als bei Michigit, ist dort ebenfalls gut aufgehoben. Einen ausführlicheren Vergleich der beiden Kurse habe ich in Michigit oder Norberg? Gitarrenkurse für Wiedereinsteiger ab 40 im Vergleich zusammengefasst, falls die Entscheidung zwischen beiden schwerfällt.
Das eigene Tempo ehrlich einschätzen, bevor man ein Abo abschließt
Mein Studienfreund Carsten Ließem sagt mir bei praktisch jedem Telefonat dasselbe: erst das Rhythmusgefühl trainieren, dann über Akkorde nachdenken. Das ist der Vergleich, den ich Wiedereinsteigern am ehesten mitgeben würde, um das eigene Tempo realistisch einzuschätzen, statt sich an fremden Fortschrittsbalken zu messen. Wer dagegen weniger an Akustikgitarre interessiert ist und eher Richtung Rock oder Blues will, findet mit meineMusikschule E-Gitarre eine modulare Struktur mit klaren Etappen, allerdings ohne persönliches Feedback durch eine Lehrkraft und mit einem Monatsabo, das bei Inaktivität weiterläuft — worauf man achten sollte, bevor man unterschreibt. Mehr dazu steht in Blues und Rock lernen: Ist MeineMusikschule E-Gitarre für Erwachsene ideal?.
Abschnitte komplett abschließen oder flexibel durcharbeiten
Genau das hat mich neulich Andreas Tolle gefragt, ein Forumsmitglied aus Bielefeld, das über einen Reddit-Thread auf einen meiner Vergleichsartikel gestoßen ist und seither im begleitenden Forum mitliest. Er arbeitet grundsätzlich jeden Abschnitt komplett durch, bevor er weitermacht, keine Abkürzungen, keine übersprungenen Lektionen. Bei Michigit funktioniert dieser Ansatz erstaunlich gut, weil der Kurs keine Prüfungen oder Freischaltungen erzwingt, sondern eher wie eine YouTube-Playlist aufgebaut ist, die man im eigenen Tempo abarbeitet. Der Nachteil dieser Freiheit: Wer sich selbst nicht diszipliniert, kann auch einfach hängen bleiben, ohne dass eine Struktur einen sanft weiterschiebt.
Beim Aufstehen aus dem Übungsstuhl gibt mein Gitarrengurt inzwischen ein leises Knacken von sich — ein kleines, fast mechanisches Zeichen dafür, dass aus Krampf längst Routine geworden ist. Auf einem Spaziergang am Limmer-Kanal ist mir übrigens aufgefallen, dass ich Gitarrenpassagen inzwischen im Kopf mitspiele, ganz ohne Instrument in der Hand, was für mich ein besseres Anzeichen für echten Fortschritt ist als jede Kurslektion mit Sternebewertung.
Michigit lohnt sich für geduldige Wiedereinsteiger, nicht für Schnellstarter
Rechnet man die Kosten grob auf die einzelne Übungsstunde herunter, landet man bei Michigit inzwischen im niedrigen einstelligen Euro-Bereich, was für ein Kurspaket dieser Tiefe ein faires Verhältnis ist — auch wenn sich exakte Abo- oder Kurspreise ohnehin laufend ändern und ich hier bewusst nur die Größenordnung nenne. Wie genau sich das gedrosselte Tempo konkret auf die Fingerfertigkeit einer Hand jenseits der 50 auswirkt, und ob Michigits Übetempo dabei realistisch bleibt oder an manchen Stellen doch zu schnell ansteigt, habe ich separat in Fingerfertigkeit auf der Gitarre im Detail geprüft.
Für Schnellstarter, die in kurzer Zeit möglichst viele Songs abhaken wollen, ist Michigit vermutlich der falsche Kurs — dafür sind AndiT oder ein reines Songbuch-Format besser geeignet. Für alle anderen, die mit Geduld und einem realistischen Zeitplan an das Projekt Gitarre herangehen, ist Michigit aus meiner Sicht aktuell die solideste Wahl unter den Kursen, die ich getestet habe, und die kostenlose Probelektion reicht meistens aus, um zu spüren, ob das Tempo zum eigenen Anspruch passt. Mein Rat als Projektleiter, der sein eigenes Midlife-Comeback an der Gitarre erstaunlich ernst nimmt: lieber einen Abschnitt zu langsam angehen als einen zu schnell abbrechen.